Weinkörper ist ein ungewöhnliches Theaterprojekt, in dem Berliner Künstler Weine performen. Seit 2004 tourt die Truppe um den Autor Heiko Michels durch Deutschland und zeigt dem interessierten Publikum, wie es sich als Riesling, Merlot & Co. lebt. Mit der aktuellen Inszenierung „es gärt“ sind sie noch bis in den November hinein unter anderem in Berlin und München zu sehen.

© purfoto | Rolf Purpar 2011

In welcher Weinlaune erstehen die Ideen für solche Inszenierungen und was macht diese Weintour so besonders? Wir haben nachgefragt bei dem Autor Heiko Michels, und der Schauspielerin Ina Maria Jaich, die den Riesling verkörpert:

Herr Michels, in welchem Kontext ist die Idee entstanden, Weine sprechen zu lassen?
Michels:
Ein Studentenjob führte mich 2003 zum Wein: ich war Barmann in den etwas unkonventionellen Weinbars der „Weinerei“ in Berlin-Mitte. Mit unserer vinophilen Unbildung versuchten wir uns dem Wein zu nähern und setzten unsere Geschmackseindrücke – quasi bei der Arbeit  - direkt in Gesten oder assoziative Sprache um. Irgendwann gab es eine erste Performance, und das Schiff nahm Fahrt auf.

Und Sie sind verantwortlich für den Inhalt der Aufführungen?
Michels: Ich arbeite eigentlich als Regisseur im experimentellen Theaterbereich und zuvor war ich kein Autor. Aber jetzt brauchte ich geschriebene Texte. Ich las damals viel postmoderne französische Philosophen und Literatur der Avantgarden. Diese rauschhafte, assoziative Sprache vermengte sich dann mit dem Weinwissen, was ich mir wild aus verschiedensten Quellen zusammenklaubte. Unser größtes Erstaunen war, dass bei ersten Aufführungen in Franken und der Pfalz die Weinbevölkerung dieser Regionen mit dieser Sprache und Art sehr gut klar kam, sie regelrecht feierte. Da war eine Art postmodernes Bauern- bzw. Winzertheater entstanden, das vor Kultur- wie vor Weinpublikum gleichfalls funktionierte.  

Und nach wie vor sehr gut funktioniert, was sicherlich auch an der schauspielerischen Leistung liegt.

Mal Hand auf’s Herz, Frau Jaich – wie viel Wein ihrer Rebsorte haben Sie getrunken, bis Sie wussten, mit “wem” sie es charakterlich zu tun haben?
Jaich: Eigentlich haben wir uns ziemlich schnell gefunden! Rebsorten getrunken habe ich wahrscheinlich trotzdem viele…
 Aber ganz im Ernst, ich spiele ja einen Riesling und ich finde, da sind die Merkmale schon recht eindeutig.

…und was zeichnet Sie als Riesling ganz besonders aus?
Jaich: Ich glaube vor allem die Süße-Säure-Spielchen.

Inwiefern unterscheidet sich die Rolle einer Weinsorte von einer anderen Rolle im Theater?
Jaich: Tatsächlich verlangt es schon eine ganz andere Herangehensweise, einen Wein zu verkörpern. Im Theater bin ich ja sonst eher in der Situation Menschen darzustellen. Normalerweise baue ich mir eine Figur auf anhand von psychologischen Aspekten oder anhand der Beziehung zu möglichen anderen Figuren, der Situation oder ganz anderen Aspekten. Das ist immer auch abhängig vom Stück und vom Regisseur. Aber man bleibt bei seiner Rolle in aller Regel ziemlich nah am Menschlichen dran. Beim Wein bin ich gezwungen, mir andere Anhaltspunkte zu suchen. Und dazu gehört dann auch wirklich erstmal trinken, schmecken, probieren. Das regt die Fantasie an.
 Dann denke ich, anstatt von einer menschlichen Psychologie auszugehen, eher über chemische Prozesse nach. Das alles muss ich irgendwie auf mich und meinen Körper übersetzen, um damit auf die Bühne zu gehen.

Und woher weiß man, was ein Riesling oder ein Merlot sagt und wie er es sagt?
Michels: Ich glaub ein Merlot ist vielmehr um seine Ruhe, seine Sonne und sein Gleichgewicht besorgt. Ein Riesling hingegen kultiviert eine gesunde Unruhe und ein animierendes Spiel. Stehen die beiden zusammen auf einer zu kleinen Bühne – bei uns sind das meistens Europaletten – kann es da schon das ein oder andere Problem geben…
 Aber es ist wie beim Wein: den völlig kontextlos zu probieren, ist meist langweilig. Erst wenn ich etwas über seine Geschichte weiß, über seinen Anbau, die Philosophie seines Winzers oder auch seine Deplatzierung in einem falschen Supermarktregal. Erst wenn ich etwas über die Historie der Region und die Mentalität der Menschen weiss, wird die Sache komplex. Dann erst entstehen Reibungen, die das Publikum etwas angehen und die auch politische, soziale oder gesellschaftliche Fragen aufwerfen können. Das kann dann auch mal über den Wein hinausgehen.

Sind Sie also moderne Weinkritiker?
Michels: Wir haben mit dem Theater eine größere poetische Freiheit als die modernen Weinkritiker. Da kann in Trier schon mal ein Elbling auftreten, dessen rassige Säure sich als Karl-Marx-Charakter (einem Sohn der Stadt) entpuppt, und der dann in Windeseile die Geschichte des Kommunismus als große gesellschaftliche Gärung aus der Perspektive des Weines neu erzählt. Aber diese Geschichten binden sich immer wieder an den Wein, kommen zu seiner haptischen, schmeckbaren Erfahrung zurück.

Ihre Aufführungen finden in aller Regel nicht in klassischen Theaterräumen statt.
Jaich: Das stimmt, wir setzen uns Weinkellern, Lagerräumen, Industriegebäuden oder sogar Schlössern aus und nehmen darauf bewusst Bezug, bauen Sie auch wirklich in das Spiel ein. Da hat das Regieteam auch eine gewisse Affinität zu…

Michels: Ich glaube, wenn wir bei der laufenden Tour Groupies hätten, die zu jeder Aufführung mitreisten – wir haben sie noch nicht – sie würden jedes Mal ein anderes Stück sehen. Die Räume, ihre Akustiken, ihre Konnotationen beeinflussen massiv die Aufführung. Wir reisen immer einen Tag früher an, um den Sprachstil den Räumen anzupassen, um sie adäquat ausleuchten zu können, um alles aus den Räumen rauszuholen. Auch kleine Textänderungen und Ideen fließen dann ein. Das war bewusst von mir so gewollt. Ich mag ein Theater nicht, das in in jedem Raum gleich funktioniert, und damit die reale Anwesenheit des Raumes, die Präsenz, verleugnet. Ich mag Theater mit Terroirbewußtsein.

Was macht den besonderen Reiz des Projekts Weinkörper für Sie aus?

Jaich: Ich glaube, eine Besonderheit an diesem Projekt ist, dass wir eine Sprache gefunden haben, die es ermöglicht, unterschiedliche Menschen auf ganz verschiedenen Ebenen anzusprechen. Manchmal war ich darüber auch wirklich selbst überrascht. 
Weinkörper als Theater ist für mich eine besondere Art als Schauspielerin Menschen zu begegnen. Und dabei aus einer ganz anderen Perspektive über die Welt zu sprechen als der menschlichen. Das eröffnet mir für mein Spiel eine ganz andere Freiheit.
Michels:
Weinkörper ist auch etwas Neues. Was wir machen ist unkonventionell. Die Kulturszene besitzt eine gewisse Skepsis, wenn sie „Weintheater“ hört, während die Weininteressierten auch mal Berührungsängste mit dem Theater mitbringen. Hinterher sind dann aber alle glücklich, und kommen ins Gespräch.
Jaich:
Es ist schon unglaublich, dass dieses totale Berliner “Underground-Ding” inzwischen eine solche Dimension erlangt hat, solche Gespräche entstehen lässt.

Die Weinkörper-Tour 2011 läuft sehr erfolgreich, Sie sind allerorts im Gespräch. Können Sie schon etwas über zukünftige Weinkörper-Projekte sagen? Wird es weitergehen?

Michels: Ich würde schon gerne ein Sommer-Wein-Theater an einem Ort etablieren. Bei der Tour haben wir ja höchstens 2 Aufführungen pro Ort. Bis sich das, was wir da machen, rumspricht, sind wir schon weiter.Außerdem möchte ich ein noch breiteres Publikum erreichen, die Leute aus ihren Nischen locken und Kommunikation anstoßen. Das ist eine Vorstellung von modernem Theater: es sollte sich nicht vor der Realität und Mentalität vor Ort abkapseln, es sollte sich aktiv mit der Theatralität von Leben und Kommerz auseinandersetzen. In jedem Fall – wir sind für nächstes Jahr in Gesprächen. Es gibt auch eine Anfrange aus Frankreich, 2012 beim Theaterfestival Avignon aufzutreten.Vielleicht braucht man ja einen gut strukturierten St. Emillion als Gegenspieler zum ausufernden Chateauneuf-du-Pape? Wir werden sehen…

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen zum Projekt Weinkörper gibt es auch auf der Website, hier und hier.

Es gibt auch eine Anfrange aus Frankreich, 2012 beim Theaterfestival Avignon aufzutreten.